Das Housing First-Projekt „Landeinwärts“ 

 

„Landeinwärts“ ermöglicht entkoppelten und benachteiligten Jugendlichen, auf dem Land seelisch zu gesunden und neue Perspektiven für Schule, Ausbildung und Beruf zu entwickeln.

Das besondere an diesem Housing First-Projekt sind die Bedingungslosigkeit und die Verweildauer der Jugendlichen: Bis zu neun Monate lang können sie sich ohne Vorbedingungen weitab der Großstädte nach traumatischen Erlebnissen oder vom Drogenentzug erholen. 

„Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, sich in dieser Zeit bei uns wie in einer großen Familie zu stabilisieren und Perspektiven für ihr weiteres Leben zu entwickeln.“ (Anett Quint, Leiterin des Justus-Delbrück-Hauses)

Bis zu acht Jugendliche können zurzeit pro Jahr in der Einrichtung aufgenommen werden.

 

Hintergrund zu Housing First:

Im Unterschied zu anderen Programmen müssen sich obdachlose Jugendlichen bei Housing First nicht durch verschiedene Ebenen der Unterbringungsformen für unabhängige und dauerhafte Wohnungen „qualifizieren“, sondern können direkt in eine „eigene“ Wohnung ziehen. 

 

Das normale Stufenmodell, in dem ein Umzug zwischen verschiedenen Wohnformen vorgesehen ist (beispielsweise von wohnungslos zum Nachtquartier zum Übergangswohnen und dann erst in die eigene Wohnung) bedeutet zwar, das auch hier am Ende die eigene Wohnung steht. Jedoch ist zumeist vorgesehen, dass mit dem Einzug in die eigene Wohnung auch die Unterstützung endet.

Das ist bei Housing First anders: Die Unterstützung wird bedarfsgerecht in der eigenen Wohnung kontinuierlich angeboten. 

Zudem wird auch keine Abstinenz von Alkohol oder anderen Substanzen als Voraussetzung verlangt. 

Unterstützung und Programme können in Anspruch genommen werden, sind aber nicht verpflichtend. 

Der Ansatz basiert darauf, dass obdachlose  Menschen als erstes und wichtigstes eine stabile Unterkunft brauchen und andere Angelegenheiten erst danach angegangen werden sollten. 

Die meisten anderen Programme arbeiten hingegen mit einem Modell der „Wohnfähigkeit“. 

Das bedeutet, dass andere Probleme, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben, zuerst behoben werden müssen.

 


STIMMEN VON TEILNEHMER*INNEN

 

 

„Das ist eigentlich auch ganz praktisch, (...) hier hast du ja Zeit! (…) Wenn ich jetzt noch in (Ort) wohnen würde, müsste ich mich ja um alles andere kümmern. Essen, Schlafen und so was. (…) Hier weißt du, dass du was zu essen hast nächsten Tag, musst du dich schon mal nicht drum kümmern. Musst dich nicht drum kümmern, dass du ein Bett irgendwo hast. Eigentlich kannst du dich nur darauf konzentrieren, was du eigentlich vorhast.“

 

„Raus aus meinem Umfeld. Weg von dem Ort, an dem ich Angst hatte, auf die Straße zu gehen.“

 

„Ich finde zum Beispiel mega gut, dass ich hier, wenn ich mal schlecht gelaunt bin, einfach mal kilometerweit in den Wald laufen kann und garantiert niemandem über den Weg laufe. Das geht in (Ort) nicht. Da gehe ich vor die Tür und habe schon den Ersten vor der Nase.“

 

„Hier hast du deine Ruhe. (...) Und wenn dir der Tagesablauf zu (stressig ist; HML) dann gehst du raus und schaust, was du um dich herum hast.“

 

„Das ist einer der Hauptgründe. Ich liebe Sommer in Jamlitz. Ich mag die Nähe zum See und dieses, bei den Arbeitstreffen, (…) Mittagspause (…) megageil so aus der Arbeit raus, schnell in die Badeklamotten, mit dem Fahrrad oder Longboard zum See, in den See planschen gehen und sich wieder fertig machen und zurück zum Arbeitstreffen. Das war bis jetzt nirgendwo möglich, wo ich gewohnt habe, und das finde ich unheimlich geil. Ich mag die Natur hier und so und ich freue mich einfach mega auf den Sommer.“

 

 

„Na ja, das halt Leute da sind. Das ich Leute in der Hinterhand habe. Wo ich mich melden kann, wenn ich mit irgendwas nicht weiter weiß, oder so.“

 

„Bedarfsunterstützung gibt es noch. Wenn ich wo nicht durchsehe, kann ich mich melden. Zum Beispiel bei der Umstellung von Sozialamt zum Arbeitsamt.“

 

„Der Auslöser waren eigentlich mehrere intensivere Gespräche mit der WG und

(Projektleiterin).“

 

„Mir hilft das, dass ich die (Projektleiterin) habe. Auf jeden Fall. Weil ich mich bei der

(Projektleiterin) über Sachen (aussprechen; HML) kann (…). Das finde ich auch total cool muss ich sagen.“

 

„Kontakt, Reden mit (Mitarbeiter), (Mitarbeiter) las Menschen. Mit dem kann ich reden. Auch mit (Teilnehmer). (…) Der ist nicht abgehoben. Der vermittelt mir nicht, dass er immer recht hat.“

 

„Ich habe mir dann auch überlegt, so mit (Mitarbeiter) im Gespräch, mehrere Gespräche gehabt, die dann bis nachts halb zwei, drei gingen, auch teilweise beim Spazieren und da ist mir klar geworden... (Berufswunsch)

 

HML: „Wie findest du das, wenn die Mitarbeitenden am Wochenende und nachts nicht da sind?“

 

„Das ist perfekt. Man kann im Grunde genommen tun und lassen, was man will. Man hat wenig Regeln vorgesetzt bekommen und man hält sich dran. Man weiß, dass es in anderen Einrichtungen ganz anders aussieht und man ist glücklich hier mit dem, was man hat. Da stehe ich nicht alleine. Das finde ich cool. Drei goldene Regeln. Keine Gewalt, keine Provokation und keine Drogen und Alkohol.“

 

„Eigentlich alles frei. Also na klar, es gibt so Selbstverständlichkeiten, wo man sie auch fragt, so nein, paar Grundregeln, aber das ist ja auch – jetzt zum Beispiel Drogen, Trallala und Alkohol

 

 (...) ist für mich kein Problem, weil ich eh nicht (...) Und an sich (...) frei. Gute

Mischung.“

 

„Ich war echt fertig. (...) Dann habe ich zu (Projektleiterin) gesagt: ‚Hey, sieh es bitte ein. Ich werde jetzt erst mal nichts tun. Ich bin durch.‘ Da hat (Projektleiterin) gesagt: ‚Das gehört auch mit zu dem Projekt. Dass du auch mal sagst, du machst mal eine Woche nichts und bist nur in deinem Zimmer.‘ (…) Das ging so eine Woche (…) und dann kam (Mitarbeiter) wieder und hat gefragt: ‚Hey, was ist denn mit dir los?‘ Der hat das gemerkt: Da ist irgendwas.“

 

„Also, so wie ich es bis jetzt in den zwei Monaten beurteilen kann, ist diese Teambesprechung halt eigentlich auch Hauptelementar der Entscheidung auch irgendwie.“

 

„Beim Plenum da hat (Projektleiterin) ja auch erst mal gesagt, was in der letzten Zeit überhaupt so passiert ist. Das war ja nicht so dieses offizielle Plenum wie Donnerstag. Sondern das war jetzt so ein Spontandings, weil sich ja Ereignisse ergeben hatten irgendwie und da hat sie dann ja auch noch mal abgefragt so, wer hat damit jetzt noch einen Einwand oder wer hat was dazu zu sagen? Da wurde einem schon wieder Raum eingeräumt, das man sagen kann: ‚Hey. Mir passt das so nicht jetzt irgendwie (...).‘“

 

„Ein Tag im Monat, wo man was als Gruppe macht. Lustige entspannte Zeit zusammen und als Gruppe. Was die Gemüter runter kühlt. (...) Gegengewicht zu ‚Du gehst mir auf den Sack.‘ oder auch was Teambuilding, Gruppendynamik, Erlebnispädagogisches.“

 

Bauaktion mit ehemaligen ‚LANDEINWÄRTS‘. Es gingen auch mehrere Sachen auf dem Gelände. Lehmofen, Sauna usw. Eine Woche bauen und eine Woche Erholung. Als Mikroprojekte, die sich selbst finanzieren. Dann sehen auch die Dorfbewohner, da machen die Leute was. Die sitzen nicht nur rum. Da kann man auch mal dort ein Dorffest auf dem Gelände machen.

 

„Also da finde ich schon hat man schon genug Entscheidungskraft mit da, was zu gestalten auch. Das hat (Projektleiterin) auch gesagt: Wenn ich Bock habe, mir hier irgendwas zu bauen, das könnte für mein Hobby vielleicht ein guter Ersatz sein, da hat sie auch gleich gesagt: Du hast auf jeden Fall die Möglichkeit.“

 

„Weil viele hier mit der Erwartung herkommen: Ja ich wohne jetzt hier in Jamlitz, hier ist alles toll, alles tutti, alles cool und hier gibt es so was wie Streit nicht. Das ist genau gerade das schief gelaufen. Dieses Gefühl so nach dem Motto ‚Hier wird nichts schief gehen, hier ist alles perfekt – das Gefühl habe ich halt nicht. Hier ist nicht alles perfekt, alles super und hier gibt es nie  (...)

Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass das manche hier denken würden. Dass sich über Streit um das Drei- oder Vierfache gleich aufgeregt wird. So nach dem Motto: Shit. Jetzt muss ich mich aufregen. Jetzt gibt es Streit, jetzt ist meine künstlerische Schauspielkreativität gerade ziemlich kaputt, weil ich mich aufregen muss. Dann ist klar, dann kommt da noch ein doppelter Zorn rüber irgendwie.

 

Ich will hier auch keine Maske oder kein Gesicht bewahren. Das ist mir egal. Das ist für mich so Mittel zum Zweck irgendwie so ein Projekt. Weil was anderes ist es ja auch eigentlich nicht. So ein Projekt ist ja nun mal Mittel zum Zweck. Dass es auch super vorangeht auch. Ich sehe das hier nicht als Tuttifrutti Regenbogen Einhornrülpsen (...) So habe ich das halt nie gesehen. So kommt es mir bei manchen Leuten halt vor, das die irgendeine Illusion aufrecht erhalten.“

 

„Ich will mir halt auch die Möglichkeit offenhalten, dadurch dass ich ja auch keine Eltern habe – wie soll ich das sagen? In der Vergangenheit war es einfach sehr oft so, wenn ich alleine in meinem Leben war, dass ich mir, dass ich das unheimlich beschissen fand.

 

Ich denke, das kann ich hierauf ganz gut umleiten und das möchte ich mir auf jeden Fall nicht versauen und möchte das auf jeden Fall beibehalten können danach. Das ist ja, denke ich, auch möglich.“

 

„Was mir hier so ein bisschen fehlt ist eigentlich diese Infrastruktur, was die Bahn, bzw. Busfahrten angeht. Weil momentan ist es halt so, ich muss hier jetzt eigentlich immer jemanden haben, der jetzt hier mit Auto fahren darf und kann. (…) Ab Frühjahr werde ich dann mal gucken, ob ich dann vielleicht ein Fahrrad zusammengebastelt kriege, damit ich im Frühjahr dann sagen kann: Ok, ich kann jetzt selbst zur Arbeit fahren.“

 

„Hier ist ja der einzige Nachteil im Gegensatz zu Berlin: Hier bist Du mega abhängig. Von Jemandem, der einen Führerschein hat und ein Auto hat. Das ist das Einzige was mich hier so stört an diesem Ort. Diese Abhängigkeit.“

 

„Aber ich fange jetzt an. Also ich muss jetzt anfangen. Was heißt ich muss? Ich muss eigentlich gar nichts aber ja – ich fange jetzt an.“

 

„Wenn ich dann zurückschaue, bevor ich hier war, frage ich mich auch oft so, warum haste das nicht viel früher gemacht?. Dann fällt mir halt immer wieder ein: Es ist wirklich der Ort. Dass du auch gerade die Ruhe bekommst, die du dafür brauchst oder ob du nie Ruhe um dich herum hast. Hier habe ich die Ruhe. Hier habe ich den Rückzugsort für mich selber. Hier kann ich mich auf mich konzentrieren.“

 

„Ich muss nicht jeden Tag daran denken: Wo kriege ich heute mein Essen her? Wo schlafe ich heute Nacht? Wie kriege ich meine Hunde gefü̈ttert? All das sind sonst Gedanken, die mich komplett auslasten am Tag.“

 

„Ich habe mich selbst wieder gefunden. Durch das Abseits sein vom Alten. Raus aus meinem Umfeld. Kopf frei bekommen. Als ich ankam war ich im Selbstmitleid, paranoid, am Rande der Depression. Das bin ich nicht. Jetzt bin ich wieder ich.“

 

HML: „Wozu hast Du die Zeit hier bisher genutzt?“

„Komplett für mich. Eigentlich nur für mich. Dass ich mich stabilisiere. Also vom Kopf und eher gesundheitlich. Wieder auf das alte Gewicht wieder hoch komme und bisschen Sport mache. Darauf habe ich mich eigentlich die ganze Zeit konzentriert.“

 

„Also ich merke das ja jetzt bei so manchen Sachen. So mit Drogenabhängigkeit oder mit Kiffen.

 

(...) Dann verträgt man auch viel. Wenn man gar nicht darüber nachdenkt. Wenn man hier ist, hier hat man seine Ruhe, um darüber nachzudenken, und dann denkt man über Sachen nach, über die man vor zwei, drei Jahren schon mal drüber nachgedacht hat. Und ich will gar nicht wissen, wie oft ich jetzt in den letzten zwei Wochen hier saß und mir auch überlegt habe, ob das jetzt auch hier alles das Richtige ist, wie ich das machen will und so.“

 

„Die Frontzähne hier vorne waren weggebrochen, die hat sie (die Zahnärztin) mir alle wieder aufgebaut. Ich habe dann auch in den Spiegel geguckt und gedacht, wow wie schön. Ich habe fast geheult. Sie hat mir ein Stück Lebensqualität zurückgegeben. Das wäre nie geschehen, wenn ich nicht ins Projekt „Landeinwärts“ gekommen wäre.“

 

„Ich glaub, ich bin ganz schön ruhiger geworden. Im Gegensatz zu (Ort) und so. (...) Also ich glaub, meine innere Uhr ist wesentlich entspannter. In jeder Hinsicht. Von der Psyche her, aber auch körperlich.“

 

„Naja, ich gehe halt strukturierter einfach an meine Probleme ran. Ich schaffe es besser, das für mich durchzustrukturieren und das auch im Kopf durchzustrukturieren, dass das nicht alles wieder so ein großer Haufen ist und mich erschlägt (...).“

 

„Na ja, mir hilft das extrem, dass meine Talente anerkannt und gefördert werden. Dass mir gewisse Aufgaben übergeben werden, und dass mir auch pädagogische Arbeit zugetraut wird, wenn ich jetzt Seminare selbst leite oder moderiere oder auch erlebnispädagogischen Aufgaben anleite. Das gibt mir sehr viel, dass ich wertgeschätzt werde.“